Graphisches Verziehen — Fachsprache im Detail
Kategorie: Fachsprache im Detail
Wie aus Lineal, Zirkel und einem klugen Aufriss eine harmonische Wendelung entsteht — vier Konstruktionswege im Vergleich.
Definition
Graphisches Verziehen bezeichnet die zeichnerische Konstruktion der Auftrittsbreiten im Wendelbereich einer Treppe. Statt die Stufenkanten allein über Formeln zu berechnen, werden sie im Aufriss über geometrische Hilfslinien ermittelt. Synonym taucht der Begriff als zeichnerisches Verziehen oder graphisches Verziehverfahren auf. Ziel ist eine gleichmäßige Zunahme der Stufenbreiten an der Freiwange, ausgehend vom Spickeltritt mit der schmalsten Auftrittsbreite bis zur nächsten unverzogenen Stufe.
Einordnung & Relevanz
Im Wendelbereich ändert sich der Drehradius der Stufen, während die Lauflinie ein konstantes Schrittmaß tragen muss. Würde man die Auftritte stur radial aufteilen, entstünden an der Innenseite spitze Keile und an der Außenseite überbreite Trittflächen — die Treppe ließe sich weder sicher noch bequem begehen. Das Verziehen verteilt diese Differenz auf mehrere Stufen, sodass der Wangenschwung optisch ruhig läuft. Geprüft wird das Ergebnis an der Austragung, also an der Abwicklung der Freiwange und des Handlaufs. Der Spickeltritt liegt dabei symmetrisch zur Treppenachse, weil sonst in der Schwunglinie ein sichtbarer Knick entsteht. Die graphischen Verfahren ergänzen das rechnerische Verziehen und die Leistenmethode, die mit aufgelegten Holzleisten am Werkstattaufriss arbeitet.
In der HTS-Werkstatt stehen vier graphische Wege zur Auswahl, die sich in der Schwunglinie unterscheiden, im Endergebnis aber alle eine harmonische Freiwange liefern. Bei der Winkelmethode tragen wir die berechneten Lauflängen rechtwinklig auf, ziehen darüber eine schräge Hilfslinie unter etwa 20 Grad und projizieren die Stufenteilungen über einen gemeinsamen Schnittpunkt zurück in den Grundriss. Die Verhältnismethode startet am Schnittpunkt der verlängerten Spickelkanten auf der Treppenachse: Von dort tragen wir Teilstrecken in fortlaufenden Vielfachen ab — die erste einfach, die zweite doppelt, die dritte dreifach und so fort — und projizieren die Punkte parallel auf die Lauflinie. Die Große-Kreis-Methode arbeitet mit zwei Mittelpunkten und Radien, deren Kreisbögen die Auftrittsbreiten in gleichmäßige Segmente unterteilen. Beim Verziehen auf Grundlinien werden die Eckstufen zuerst gesetzt, danach mehrere Grundlinien als Bezugsachsen für die übrigen verzogenen Stufen genutzt. Welche Methode wir wählen, hängt von der Wendelung, der Pfostenlage und davon ab, wie streng der Auftraggeber den Schwung an der Freiwange wünscht.
In der Praxis kombinieren wir den klassischen Werkstattaufriss am Boden mit einer CAD-Konstruktion, weil heutige Treppenbau-Software die genannten Verfahren in wenigen Sekunden parallel rechnet. Der Aufriss bleibt trotzdem das Kontrollinstrument, in dem wir die schmalste Auftrittsbreite, den Krümmlingsverlauf und mögliche Knickstellen am Handlauf mit dem Auge prüfen. Bei halbgewendelten Treppen achten wir besonders darauf, dass keine Stufenkante in eine Wandwangen-Ecke läuft, weil sich solche Konstruktionen weder sauber stemmen noch sauber krümmen lassen. Wird der Spickeltritt zu schmal angenommen, vergrößern wir das Maß und konstruieren neu, bis der Schwung trägt.
Verwandte Begriffe
Verwandte Begriffe: Verziehen gewendelter Treppen, Rechnerisches Verziehen, Lauflinie, Freiwange (Lichtwange), Krümmling, Halbgewendelte Treppe.
