Rechnerisches Verziehen — Fachsprache im Detail
Kategorie: Fachsprache im Detail
Wie aus Geschosshöhe, Lauflinie und Spickeltritt millimetergenaue Auftrittsmaße werden — und warum am Ende eine harmonische Wendelung steht.
HTS-Praxis
Beim rechnerischen Verziehen werden die Auftrittsbreiten der gewendelten Stufen über klar definierte Formeln statt über reine Zeichnung bestimmt. Aus der Geschosshöhe, dem Verlauf der Lauflinie und der Lage des Spickeltritts ergeben sich exakte Maße für jede einzelne Trittstufe im Wendelbereich. Synonym wird gelegentlich von rechnerischer Verziehung gesprochen. Das Verfahren steht gleichberechtigt neben dem graphischen Verziehen und der Leistenmethode und liefert reproduzierbare Tabellenwerte, die direkt in CAD und CNC einfließen.
Definition
Wichtig wird die Methode immer dort, wo eine Treppe gewendelt geführt wird und der Schwung von Wange und Handlauf optisch wie funktional sauber sein muss. Vorgegeben sind in der Regel die Geschosshöhe, die Wendelungsart, die Treppenlaufbreite und die ungefähre Lage von An- und Austritt. Ermittelt werden daraus Steigungszahl, Steigungshöhe, Auftritt auf der Lauflinie und die schmalste Trittstufenbreite a' am Spickeltritt. Eine typische Berechnung liefert bei 280 cm Geschosshöhe mit 16 Steigungen rund 17,5 cm Steigungshöhe und 28 cm Auftritt an der Lauflinie. Die Stufenbreiten an der inneren Wange müssen vom schmalsten Tritt aus gleichmäßig zur nächsten unverzogenen Stufe hin zunehmen — nur so wirken Schwung, Trittfolge und Gehrhythmus stimmig. Eine asymmetrische Lage des Spickeltritts würde im Aufriss eine sichtbare Knickstelle in Wange und Handlauf erzeugen, weshalb der Spickeltritt stets symmetrisch zur Treppenachse gesetzt wird.
Einordnung & Relevanz
Fachlich relevant ist hier DIN 18065: Sie verlangt im engen Innenwangenbereich eine Mindest-Auftrittsbreite, an der sich die Berechnung ausrichtet. Liegt der rechnerische Wert für a' unter dem zulässigen Mindestmaß, vergrößern wir die Zahl der einbezogenen Wendelstufen oder rücken die Lauflinie näher an die Innenwange heran und kalkulieren neu. Diese Rückkopplung ist Teil des Verfahrens und kein Sonderfall. Auch das in der Praxis übliche Mindestmaß von 90 mm für das Wangenbesteck darf bei späteren Augenmaß-Korrekturen nicht unterschritten werden.
In der Praxis von HTS gehen wir nach einem festen Ablauf vor: aus dem Aufmaß werden Steigungszahl, Auftritt und Lauflinie festgelegt, der Spickeltritt mittig auf die Treppenachse gelegt und die Zahl der einzubeziehenden Wendelstufen so dimensioniert, dass die Trittbreite am Krümmling ungefähr der Treppenlaufbreite entspricht — bei viertelgewendelten Treppen meist sieben bis neun Stufen, bei halbgewendelten entsprechend mehr. Mit den Formeln für die schmalste Trittstufenbreite a' und für die gleichmäßige Vergrößerung x ergeben sich für jede Stufe die exakten Vorder- und Hinterkanten in Millimetern. Diese Werte übernehmen wir in unsere CAD-Geometrie, prüfen den Schwung der Freiwange visuell an der Abwicklung und übergeben die geprüften Daten an die CNC. So entstehen verzogene Stufen aus Eiche, Buche oder Esche mit reproduzierbarer Genauigkeit, sauberen Fugen zur Wandwange und einem ruhigen Verlauf von Krümmling und Handlauf — auch dann, wenn die räumlichen Vorgaben in Niedersächsischen Bestandsbauten knapp sind.
Verwandte Begriffe
Verwandte Begriffe: Graphisches Verziehen, Lauflinie, Wendelung, Krümmling und Freiwange (Lichtwange).
